Montag, 2. Januar 2012

"Der parzellierte Mann", S.54f.

Dann fahren sie nach Rothenbergen. Das Zimmer, tatsächlich eine gepflegte Winzigkeit. So, als hätte jemand, nicht über seine Verhältnisse lebend, gelegentlichen Gästen eine bescheidene Schlafstatt anbieten wollen. Aber er hat ja auch nicht viel Geld, dieser neue Liebhaber, und das wollen wir ihm nicht zur Last legen, denkt Beatrice.
Sie wird sorgsam entblättert, wie eine seltene Frucht, die das Kostbare tief in sich birgt. Sie lässt die Gedanken bei Seite, die sie an ihr Alter, ihre ganz unauffällig welkende Haut, ihre verloren gegangene Festigkeit erinnern könnten. Sie schiebt sie bei Seite und konzentriert sich auf die zarte Reibung eines von der frierenden Schulter rutschenden Wollärmels, auf Fingerkuppen, die über das Dekolleté huschen und die Vertiefung zwischen den Brüsten nachzeichnen, auf Lippen, welche die Wölbung des Bauches nachempfinden und, wie zur Bestätigung, wiederum den Abdruck ihres Mundes suchen. Die einzelnen Berührungspunkte als pars pro toto. Die große wiederholte Umarmung als alles umfassendes Geständnis. Der leichtere, dann stärkere Druck seiner Muskeln, wie ein redundantes Liebesbekenntnis. Dann macht er Gebrauch von der ihm bereitwillig geöffneten Pforte, schiebt mit seinem Knie die Türflügel behutsam beiseite und dringt mit unsagbarer Zärtlichkeit ein in das Allerheiligste, weil in der Männerwelt allseits begehrte. Sie

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen